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DAIM Interview für Art-Crimes

Submitted on 13. Mai 1997 – 18:20 Email | Print | PDF |

DAIM Interview for Art-CrimesDieses Interview wurde 1997 per Email geführt. Die Fragen stammen von Susan Farell und Brett Webb von Art-Crimes (graffiti.org) und Dan (Digital Jungle).

Was denkst du übers Zugmalen?
Im Graffiti geht es um die Selbstdarstellung, seinen Namen so oft und so auffällig wie möglich zu sprühen. Die Züge bieten sich also geradezu an, denn sie werden von einer breiten Masse benutzt und gesehen. Graffiti ging von New York aus um die Welt, ohne die Subways wäre es vielleicht nicht passiert. Die New Yorker konnten ihre Ideen auf den Zügen umsetzen, sie hatten die Zeit und sie wussten, die Züge fahren für eine lange Zeit. Heutzutage hat sich das teilweise geändert. Die Züge fahren oftmals nur sehr kurz oder gar nicht und die Zeit um sich in den Yards aufzuhalten ist nie sehr lang. Dazu kommt die harte Strafverfolgung und die damit verbundenen Schikanen der Polizei. Man hat zudem die Möglichkeit seine Ideen an großen legalen Wänden umzusetzen. Und auch dort erreicht man eine große Masse von Zuschauern. Die Medien, Magazine, Internet etc. tragen heute ihren Teil zur Verbreitung bei. Bei der Zugmalerei geht es viel mehr um die Aktion selber als um das, was dabei heraus kommt. Schließlich geht es auch teilweise unbewußt darum, der Gesellschaft zu zeigen, daß uns (den Jugendlichen) zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden, wir nicht mit der Stadtgestaltung zufrieden sind und wir selbst Entscheidungen fällen wollen, auch ohne Erlaubnis. Beim illegalen Arbeiten, besonders bei der Zugmalerei, kombiniert man Dinge, die einem legales Arbeiten nicht bieten kann: Abenteuer, Spannung, Vertrauen in seine Begleiter, Risiko und eine enorme Aktivität. Kombiniert mit der Möglichkeit, alles zu tun was man möchte, aber dennoch die selbst gesteckten Grenzen nicht zu überschreiten. Das Gefühl, zu schocken und zu provozieren, bei seinesgleichen aber Anerkennung zu erhalten, sich selbst ausgedrückt zu haben, kreativ gewesen zu sein, sind Dinge, die man in der heutigen Gesellschaft kaum noch erleben kann. Ich bin der Meinung, daß jemand der nur legal sprüht, nicht den ganzen Spirit von Graffiti begreifen kann.

Was glaubst Du, wer Dein Publikum ist, Writer, normale Menschen oder wer?
Ich bin immer davon ausgegangen, daß ich in erster Linie andere Writer anspreche. Dies gibt einem auch die beste Befriedigung. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Leute, die sich dafür interessieren. Nicht zuletzt durch die große Zahl der Bücher und durchs Internet. Zu wissen, man erreicht und inspiriert Leute auf der ganzen Welt ist eine tolle Erfahrung. Dies wird sich auch immer mehr verstärken, dadurch daß die Sprüher auf der einen Seite immer älter werden, auf der anderen Seite die jungen Writer nachkommen, wird ein immer breiteres Spektrum in der Gesellschaft direkt beeinflußt.

Ist der Buchstabe das Herz des Graffiti, oder sind es Murals oder eine Mischung?
Buchstaben sind der Graffitieigene Code. Man will ein Zeichen setzen. Auffallen. Die Werbung macht es vor. Man benötigt ein Logo. Einen Code um die Leute, die man erreichen will, zu erreichen. Dieser muß verschlüsselt sein, nicht für jedermann zu entziffern. Oder aber gerade von jedem zu erkennen, um die größte Aufmerksamkeit zu erreichen, sich in jedem Fall immer wieder aus der Flut von anderen visuellen Reizen heraus einzuprägen. Schrift ist die idealste Form zur Selbstdarstellung. Aber natürlich geht es nicht darum, sich auf die Schrift zu beschränken. Figuren, Hintergründe etc. sind wichtige Elemente zur Ausschmückung der Schrift.

Ist Graffiti politisch? Sollte es politisch(er) sein?
Das, was Graffiti darstellt, ist kaum politisch, aber alleine die Tat, es zu tun, kann auch als politisch angesehen werden. Denn eine große Anzahl von Jugendlichen weltweit, die gegen Gesetze und Vorurteile ankämpfen müssen, um ein selbstbestimmtes und kreatives Leben zu führen, zeigen schließlich der Gesellschaft, daß sie unzufrieden sind mit dem was sie vorfinden.

Was findest du an Fischen so faszinierend? Gibt es andere Formen in der Natur, die Du zur Inspiration studierst?
Die Natur hat mich immer sehr interessiert. Ich sammelte alle möglichen Dinge, die in der Natur zu finden waren: Insekten, Muscheln, Mineralien etc. Ich wollte eigentlich immer Geologe werden, bis mich die Begeisterung fürs Sprühen von dieser Idee abgebracht hat, womit ich doch sehr glücklich bin. Ich glaube, alle Inspirationen beginnen in der Natur. Es gibt einfach alles an Formen, Farbgebungen, Mustern etc. in der Natur, man braucht nur die Augen aufzuhalten. Viele sind natürlich von Dingen inspiriert, die direkt in ihrer Umgebung sind, z.B. Werbung. Aber auch die Werbung bekommt ihre Ideen nur aus der Natur. Wenn man jahrelang an vier Buchstaben arbeitet und versucht, sie zu perfektionieren und sie zu einer Einheit zu bekommen, ist es nur der logische Schluß, sich von perfekten Gebilden aus der Natur beeinflussen zu lassen. Gerade Insekten sind dazu geeignet. Mit MATE, der zusammen mit mir hier in Luzern (Schweiz) freie Kunst studiert, arbeiten wir an der Metamorphose zwischen Schrift und anderen Dingen, wie Insekten oder Architektur. Die Fischaugen-Serie gibt einem ein sehr gutes Gefühl für Farben und Formen. Sie sind mehr eine technische Übung und regen mich dazu an, Farbverläufe oder Formen dann auch an meinen Piecesauszuprobieren. Genauso wie Landschaftsbilder oder auch Aktzeichnungen schulen sie das Auge und geben einem eine Vielzahl von Inspirationen. Eine neue und sehr interessante Herangehensweise ist es, mit der Graffiti-typischen Technik, der Sprühdose, Graffiti-untypische Motive zu sprühen und umgekehrt.

Wie hast Du diese Schwarz-Weiss-Skizzen (Drahtgittermodelle und negativ-Schwarz-Weiss-Skizzen) von Hand gemacht? Hättest Du einen Computer benutzt, wenn Du die Möglichkeit gehabt hättest, oder ist es wichtig, den schweren Weg zu gehen?
Ich zeichne alles mit der Hand. Für meine Skizzen benutze ich nur Bleistifte und Copics-Marker. Auch die Drahtgittermodelle und negativ-Schwarz-Weiss-Skizzen sind mit der Hand gezeichnet. Das einzige Hilfsmittel, das ich benutze, sind Fotokopierer. Somit kann ich negative Schwarz-Weiß-Skizzen kopieren oder auch die Vorlage für das Rasterbild erstellen. Alles mit der Hand zu machen, hat den Vorteil, wirklich jeden Schritt zu verstehen. Dies dauert zwar länger, gibt dir aber wirklich das Gefühl, daß du das, was du gemacht hast, auch verstehst. Ein Computer nimmt dir sehr viel ab. Aber leider oftmals auch die Möglichkeit, die einzelnen Schritte nachzuvollziehen. Wenn ich alles mit der Hand mache, kann ich es auch akzeptieren, daß Fehler enthalten sind. Es gibt wahrscheinlich keine Skizze von mir, in der nicht einige Fehler sind. Aber die gehören genauso dazu wie bei einem gesprühten Bild auch Drips enthalten sein können. Genauso kann ich aber auch bewußt Fehler einbauen, Elemente, die vom Bildaufbau oder von der Wirkung her besser sind. Ein Computer würde es immer langweilig richtig machen. Einen perfekten 3d-Style könnte man wahrscheinlich leicht mit dem nötigem Equipment machen, aber wo bleibt da noch die Kunst? Die Figuren eines herkömmlichen Walt Disney-Films gefallen mir um einiges besser als die “Toy Story”-Figuren. Der Hauptgrund dafür, daß ich alles mit der Hand mache ist aber auch der, daß ich nicht die Zeit dazu verschwenden möchte, mich mit einem Computer so vertraut zu machen, daß ich dann alle meine Ideen auf ihm umsetzen kann.

Soweit ich weiß, hast Du Dich in einer Kunstschule eingeschrieben. Du mußt doch auf einem erheblich höheren Level sein als die Studenten, die dort normalerweise anfangen. Wie wirst Du dort aufgenommen? Wundern sich die Professoren nicht über Dein zeichnerisches und malerisches Können? Was erwartest Du Dir von einer klassischen Ausbildung? Glaubst Du, Kunstschulen sind der richtige Ort für Writer? Warum (nicht)?
Ich denke schon, daß ich mit einem hohen Niveau auf diese Schule gekommen bin. Die Auswahlkriterien sind allerdings sehr hart und die, die es dann schaffen, haben alle ein gutes Niveau. Nur hat ja jeder eine andere Vorstellung von Kunst und so ist ein Vergleich zwischen den Arbeiten der unterschiedlichen Künstler kaum möglich. Einige können mit unserer (MATE und meiner) Arbeit nichts anfangen, genauso wie wir nichts mit ihrer. Ich studiere freie Kunst und so wird von unseren Lehrern weniger die technisch perfekte Umsetzung als viel mehr die inhaltlichen Gesichtspunkte bewertet. Ich entschloß mich, auf die Schule zu gehen, als ich sah, welche Möglichkeiten sie einem bietet. Die einzelnen Werkstätten, die Materialien, die Räumlichkeiten und die geringe Anzahl von Schülern geben mir die perfekte Umgebung, um genau an den inhaltlichen Dingen weiter zu arbeiten, an denen ich auch ohne die Schule gearbeitet hätte. Jetzt habe ich aber die verschiedensten Werkstätten zur Verfügung. Zu den Lehrern und anderen Schülern habe ich kaum Kontakt. Es geht um die selbständige Arbeit. Ich erhoffe mir von dieser schule ein kennenlernen aller Techniken und Materialien, weniger ein aufweisen neuer inhaltlicher Wege. Ich hoffe, immer mehr Writer entschließen sich, in die freie Kunst zu gehen. Nur sie kann einem das geben, was man als Sprüher gewohnt ist, selbständiges Arbeiten. Ich glaube, viele wollen nicht in die freie Kunst, weil sie ihre Arbeit nicht als Kunst ansehen, oder der Meinung sind, nur weil sie keine Figuren zeichnen können, könnten sie keine Kunst studieren. Ich sehe, daß viele Writer in die Grafik gehen. Aber wer wirklich kreativ arbeiten möchte, muß versuchen, Möglichkeiten zu finden, die ihm die Chance geben, seine Kreativität zu fördern. In den meisten Ausbildungen zum Grafiker wirst du in bestimmte Wege gezwängt. Es geht schließlich darum, später einen Beruf zu finden. Für individuelle Kreativität ist dort kein Platz. In jedem Fall werden Writer früher oder später in alle möglichen mehr oder weniger kreativen Berufe eindringen und so den ganzen Sektor stark beeinflussen.

Deine Arbeiten brechen oft aus der Leinwand aus, verändern den Raum und verwandeln Wände in andere Welten und Dimensionen. Wie können sich diese Aspekte Deiner Arbeit weiterentwickeln? Hast Du überlegt, eventuell in Bereichen wie die der Animation oder der virtuellen Realität zu arbeiten?
Meine Ziele waren es immer, meine Pieces so realistisch wie möglich zu machen, der nächste Schritt war es, Teile plastisch aus der Leinwand herauszuarbeiten, nun bin ich bei Skulpturen angelangt. Nun geht es darum, den Kreis zu schließen. Skizze, gesprühtes Bild, Skulptur, Fotografie, vom Foto abzeichnen und wieder sprühen. Ein geschlossener Kreislauf, der viele Variationsmöglichkeiten bietet. Die Qualität wird gesteigert und eigene Vorlieben herausgearbeitet. Die Animation ist eine Sache, die mich interessiert als eine Möglichkeit, meine Ideen zu verdeutlichen. Bei den Metamorphosen dient sie sehr gut zur Veranschauung. Als nächsten Schritt, auf den ich mich konzentrieren möchte, sehe ich sie nicht. Das wäre eine Welt für sich. Die Begeisterung für Comics und Comicfilme müssten wahrscheinlich größer sein.

Wie hast Du Dein malerisches und zeichnerisches Können entwickelt? Was können wir anderen tun, um unsere eigenen zu verbessern?
Ich bin ein ziemlicher Perfektionist. Ich versuche immer, alles zu verbessern. Man muß viel ausprobieren und seine Augen immer offen halten für neue Dinge. Gerade bei der Sprühdose gibt es in Deutschland so viele Marken, Farbtöne und Caps, daß man für sich die besten heraus finden muß.

Mit was für anderen Mitteln außer der Sprühdose arbeitest Du? Was hältst Du von Airbrushing?
Früher war mein Ziel, alle meine Ideen mit der Sprühdose umzusetzen. Mittlerweile versuche ich, alle möglichen Techniken auszuprobieren, um dann die für mich interessantesten heraus zu suchen. Dabei ist es wichtig, nicht eine Technik nur angekratzt zu haben. Gerade hier an der Schule habe ich die Möglichkeiten, intensiv alles auszuprobieren. Neben Bleistift und Markerskizzen male ich mit Acryl. Stinkt weniger als Öl. Ich mache Kupferdruck, Fotografie und Skulpturen. Airbrush hat mich noch nie interessiert. Erst recht nicht, wenn mit Schablonen gearbeitet wird. Ich komme immer mehr weg von den perfekt ausgearbeiteten Bildern. Mit breiten Pinselstrichen zu arbeiten ist für mich interessanter. Erst recht als Gegensatz zur Computerwelt, in der immer alles perfekter und cleaner wird.

Welche Writer und Künstler haben Dich am meisten beeinflußt?
Eine Menge Writer inspirieren mich. Ich denke, alle mit denen man zu tun hat, beeinflussen Dich ein wenig. Aber die Zeit ist vorbei, zu der man noch zu jemandem aufgeschaut und gedacht hat, genau so möchte ich auch mal sprühen können. Es gibt viele andere Künstler, die mich immer sehr beeinflußt haben. Früher hat mich Dali sehr beeindruckt, heute inspirieren mich die Bilder der Impressionisten, besonders van Gogh und Monet.

Was magst Du am meisten bzw. wenigsten an der Graffiti-Kultur?
Vieles ist in der ersten Frage schon beantwortet worden. Aber eins der schönsten Dinge im Graffiti ist es, so viel herum zukommen. Die Writer sind ein sehr reiselustiges Volk und ich bin sehr glücklich zu wissen, ich kann um den Globus reisen und werde in vielen Ländern andere Writer treffen, mit denen man arbeiten kann, die einem helfen und durch die man Land und Leute kennen lernt. Graffiti ist eine Weltsprache der Jugend. Wirklich negatives gibt es im Graffiti nicht. Die Verfolgung durch die Polizei, die Engstirnigkeit vieler Leute, die Graffiti nicht mögen, aber auch der Neid innerhalb der Szene sind nur die Dinge, die dazu gehören und die einen motivieren weiter zu machen. Es hat sich schon vieles in den letzten Jahren zum positiven verändert, so daß ich mir sicher bin, es kann nur immer besser werden.

Wenn Du den Kids, die nachfolgen, etwas beibringen könntest, was wäre das?
Respekt, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und immer eine Gasmaske beim Sprühen benutzen.

Was hältst Du von der UK Graffiti-Szene, so wie Du sie erlebt hast, als Du dort warst?
Ich kann über die UK Graffiti-Szene nichts sagen. Ich war für ein paar Tage in London, habe ein paar Bilder gesehen, das war es. Sonst kenne ich nur das Graphotism-Magazin. Zu wenig, um sich ein Urteil bilden zu können. Ich hoffe, der Austausch zwischen UK und dem Rest von Europa wird noch besser.

Und was denkst Du über die Szene in NY, Du warst ja erst kürzlich da?
Als ich `95 das erste mal mit HESH nach NY kam, war ich sehr gespannt auf die Sprüher. Ich kannte niemanden vorher und war mir nicht sicher, ob den New Yorkern meine 3D Pieces gefallen würden. Ich fürchtete, sie würden es nicht akzeptieren, wenn man versucht, neue Wege zu gehen. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Alle die ich kennenlernte, gaben uns Respekt. Und auch die, denen die 3D-Sachen persönlich nicht so gefielen, waren trotzdem der Meinung, es wäre gut, auch diesen Weg zu gehen. Ich habe kaum Writer in anderen Ländern kennengelernt, die offener für neue Dinge waren als die in NY. Und später wurde mir klar, daß nur deswegen überhaupt Graffiti so groß werden konnte. Mit Engstirnigkeit und Angst vor neuem wäre es schon lange tot. Über die Szene als Ganzes kann ich nicht viel sagen. Ich kann nur erahnen, daß es bei weitem nicht mehr so ist, wie es mal war. Trotzdem spürt man den Hip-Hop flavor überall in der Stadt und ist sich immer bewußt, daß hier alles angefangen hat.



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