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DAIM – Kreativität phasenweise – Text

Submitted on 13. Mai 2005 – 16:42 Email | Print | PDF |

Dieser Text wurde 2005 von DAIM geschrieben. Veröffentlicht im Stylefile Magazin #17
(Sprache: Deutsch / Englisch)

"DAIM - Creative from time to time" | Stylefile | 2005Ich bin jemand, der sich richtig auf eine Sache konzentrieren kann, sich in etwas versenken kann und daran arbeitet. Und ich meine damit nicht ein paar Stunden lang oder ein paar Tage lang. Nachdem ich einmal angefangen hatte zu sprühen, ließ es mich also nicht mehr los. Es gab Zeiten, da habe ich nichts anderes gemacht, als jeden Tag gesprüht. Und in meiner Zeit in der Schweiz, da saß ich ein halbes Jahr lang auf einem Sofa und habe gezeichnet.
Einmal die Woche bin ich einkaufen gegangen und das war’s. Graffiti gibt mir unheimlich viel, sonst wären solche Phasen sicher gar nicht möglich. Aber durch das Konzentrieren auf eine bestimmte Idee, eine Technik oder einen Style, durch das
Arbeiten an einer bestimmten Sache über einen langen Zeitraum, durch das Einlassen auf diesen Prozess, erfährt man am Ende eine Menge über sich selbst und seine eigene Persönlichkeit. Und das drückt sich dann ja auch wieder in den Styles aus, die man entwickelt.
Aber man stößt irgendwann unweigerlich auch an Grenzen. Grenzen, die einem in der Graffitiszene gesetzt werden und die man zu akzeptieren lernt, oder aber zu überschreiten oder zu versetzen versucht. Aber auch Grenzen im Bereich Graffiti selbst, die mich sicherlich auch veranlasst haben, andere Techniken auszuprobieren oder den Bereich Graffiti auszureizen. Am Ende trifft man auch auf eigene Grenzen, die man entweder annimmt oder gegen die man ankämpft.

Graffiti ermöglicht mir ein selbst bestimmtes Leben, in dem ich entscheiden kann, was ich wann mache, ob ich es überhaupt mache oder nicht. Zum Glück bin ich ein rastloser Mensch, der von einem inneren Drang, etwas zu machen, angetrieben wird.
Ansonsten birgt diese ganze Eigenbestimmtheit ja die Gefahr, einfach auch mal gar nichts zu machen. Dass ich mal länger als einen Tag nicht im Atelier bin, das kommt nicht vor, außer ich bin auf einer Reise. Das ist noch etwas, was Graffiti mir gibt. Immer wieder an anderen Orten zu sprühen, neue Menschen und deren Kulturen kennen zu lernen, fremde Länder zu sehen. Und dabei immer wieder neue Eindrücke aufnehmen, neue Ideen entwickeln und verwirklichen, mit anderen gemeinsam große Wände sprühen und immer neue Bilder entstehen zu lassen. Graffiti in dieser Form birgt die Vergänglichkeit in sich. Bilder, die so entstehen, existieren nur für einen gewissen Zeitraum. Sicher, man hat archivierte Fotos, aber das ist nicht dasselbe. Graffiti lehrt einem auch, die Vergänglichkeit der Dinge anzunehmen. Sicher auch, um gegen diese Vergänglichkeit anzugehen, sprühe ich Leinwände, male ich große Auftragsarbeiten, die für eine lange Zeit meine Spuren hinterlassen.

Graffiti ist für mich etwas, dass ich auch in zehn und in zwanzig Jahren noch machen will. Dabei lasse ich mich aber nicht einschränken auf einen Begriff, den mancher als das ‚klassische Graffiti’ bezeichnen mag, etwas das es für mich einfach gar nicht gibt. Seinen Namen schreiben und ihn anderen Menschen zu präsentieren, das geht auch am Computer im Internet oder auf einer Leinwand in einer Ausstellung.
Daher kann man meiner Meinung nach für Graffiti auch nicht zu alt werden; die positiven Aspekte kann man in jedem Alter für sich rausziehen. Die Herausforderung, die Graffiti für mich bedeutet, kann nicht enden. Man befindet sich immer auf der Suche nach Perfektion: in seiner eigenen Technik, im Sprühen mit der Dose, im Entwickeln von einem eigenen Stil, in der Verwirklichung von Auftragsarbeiten, bei der
Arbeit auf Leinwand, beim Schaffen von Skulpturen und im Organisieren von Ausstellungen, bei der Arbeit mit dem Computer, im Animieren von Styles…
Und jeder neue Einfluss, der von außen kommt und jede neue Technik, die man für sich entdeckt, birgt neue Herausforderungen und neue Ideen. Und das Organisieren von einem Riesenprojekt wie Dock 10 im Hamburger Hafen oder einer Ausstellung wie der „Urban Discipline“ kann einem den Kick geben, den man früher vielleicht beim illegalen Sprühen empfunden hat.

Graffiti ist auch in der Hinsicht eine Herausforderung, als dass ich den Stil, den ich geprägt habe, nicht als eine Grenze betrachten will. Experimente und Entwicklungen dürfen dadurch nicht verdrängt werden, dass eine gewisse Erwartungshaltung mit mir verbunden ist. Ich finde es spannend zu beobachten, wie andere mich und meine Kunst wahrnehmen.
Es ist dabei einfach nur wichtig, sich nicht unbewusst zu stark davon beeinflussen zu lassen. Einen Stil entwickelt zu haben, bietet einem in erster Linie die Möglichkeit, konstant darauf aufzubauen, ohne immer wieder „von vorne anfangen“ zu müssen. Ausbrechen und experimentieren kann ja auch bedeuten, dass man mit Techniken spielt oder den Ort der Präsentationen wechselt.
Ein 3D-Style auf einer Wand ist schließlich nicht das gleiche wie auf einer Leinwand in einem Museum oder als Grafik auf einem Sticker. In den letzten Jahren hat sich bei mir immer stärker eine Arbeit in Phasen entwickelt, was bedeutet, dass ich vor allem auf meinen Reisen kreativ arbeite, und so viele Wand- und Leinwandarbeiten entstehen, und zu Hause in Hamburg all das erledige, was mir diese Reisen ermöglicht, also die ganze organisatorische und planerische Arbeit.

Hamburg bedeutet auch immer arbeiten für und mit getting-up, der Ateliergemeinschaft, die ich 1999 gemeinsam mit Tasek, Daddy Cool und Stohead gegründet habe. Wir haben uns in dieser Ateliergemeinschaft nicht verpflichtet, irgendetwas umzusetzen, haben uns keine Ziele gesetzt, sondern uns und unserer Gemeinschaft die Zeit gegeben, sich zu entwickeln und sich so selbst zu definieren.

Nur so konnten gemeinsame Projekte entstehen, die uns zusammengeschweißt haben, uns aber auch deutlich gemacht haben, dass bei jedem von uns die eigene künstlerische Arbeit im Vordergrund stehen soll. Wir sind keine Firma und das gibt jedem Einzelnen von uns den Freiraum, sich auch als eigenständiger Künstler zu verwirklichen und weiter zu entwickeln. Da die einzelnen Beziehungen der getting-up Künstler untereinander anfänglich sehr unterschiedlich waren, war es uns besonders wichtig, dass sich keiner eingeengt fühlen sollte. Diese Gefahr besteht ja vor allem dann, wenn man sich sehr gut oder noch gar nicht kennt.
Ich denke, wir haben alle zu Beginn versucht, einzuschätzen, worauf wir uns einlassen und wir waren klug genug, unsere Erwartungen nicht zu hoch zu setzen. In einer Gemeinschaft muss man seine individuellen Bedürfnisse von Zeit zu Zeit zugunsten der Gemeinschaft zurückstellen können, ohne sich selbst und die eigene künstlerische Arbeit zu vernachlässigen. Wir hatten Phasen, in denen das kaum noch möglich war. Nachdem wir die „Urban Discipline“ Ausstellung zum dritten Mal verwirklicht hatten, mussten wir erkennen, dass wir entweder zu einer Ausstellungs-Organisations-Agentur werden würden oder aber eine Pause einlegen müssten.

Mehr oder weniger haben wir uns für letzteres entschieden, wobei durch die Arbeit an dem „Urban Discipline“ Film, den wir zusammen mit halbbild aus Berlin produziert haben und der im Frühjahr 2005 als Doppel-DVD erscheinen wird, die Arbeit rund um die „Urban Discipline“ Ausstellungen erst dann abgeschlossen sein werden. Und die Möglichkeit, wieder eine Ausstellung in dieser oder einer anderen Form zu organisieren, wollen wir für uns auch nicht ausschließen.
Denn die Reaktionen auf die „Urban Discipline“ Ausstellungen waren sehr positiv und sind es noch, was wir an den vielen Besuchern der Webseite (urbandiscipline.de) immer noch sehen können. Das hat uns sehr motiviert. Die Zeit für eine Ausstellung dieser Art war genau richtig. Damals war es noch möglich, etwas in dieser Größenordnung zu organisieren, auch wenn wir dabei viel Geld investiert und verloren haben.

Dass ich einmal von Graffiti leben würde und wie es mir gelingen könnte, mich selbständig zu machen, darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Musste ich auch nicht. Denn zum einen habe ich schon ziemlich früh durch Aufträge eigenes Geld verdient und zum anderen haben mir meine Eltern immer das Gefühl gegeben, für mich da zu sein, und mir so ermöglicht meinen eigenen Weg zu finden. Mittlerweile habe ich wieder mehr Zeit mich auf meine eigene Arbeit zu konzentrieren. Besonders auf meinen Reisen, auf denen in letzter Zeit auch die meisten neuen Bilder entstanden sind.

Vor ungefähr einem Jahr habe ich mich entschlossen, einige meiner Arbeiten in einem Buch zu veröffentlichen. Und die Arbeit an diesem Buch hat mich neben der Arbeit an meiner Webseite, die ich gerade komplett überarbeite, ziemlich vereinnahmt (DAIM – daring to push the boundaries). Dieses Buch soll nicht meine gesamte Schaffensperiode dokumentieren. Es stellt vielmehr einen ausgewählten Einblick dar, sozusagen mein persönliches „best of“.

Ein weiterer Bereich meiner Arbeit ist das vor einigen Monaten gemeinsam mit zwei Partnern gegründete Textillabel DAIMartwear, das mir die Chance bietet, mich auch in anderen Bereichen zu etablieren. Durch die Arbeit für Marken wie Carhartt, Levi’s und Tribal, für die ich diverse Designs kreiert habe, entstand die Idee, ein eigenes Label zu gründen. 2005 wird für mich also ein spannendes Jahr. Mit Sicherheit werde ich sprühen, aber auch die anderen Bereiche, auf die ich mich zur Zeit konzentriere, ausarbeiten. Es ist also eine Menge los – man darf gespannt bleiben…


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