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Feuerwerk der Ambivalenzen – Text

Submitted on 13. Mai 2007 – 17:12 Email | Print | PDF |

Feuerwerk der Ambivalenzen - Text von Arne RautenbergText: © 2007 – Arne Rautenberg / arnerautenberg.de

Feuerwerk der Ambivalenzen
- Zu den Graffiti-Arbeiten von DAIM –

Über die Macht, sich selbst zu benennen

Graffiti bedeutet gemeinhin, anderen im öffentlichen Raum mehr oder weniger deutlich und meist illegal via Schriftzug sein Pseudonym aufzuzwängen, damit ICH zu sagen und Spuren in einer urbanen Welt zu hinterlassen, die zunehmend weniger auf Individualitäten ausgerichtet ist. Graffiti kam da vor gut 30 Jahren aus den Metropolen New York und Philadelphia gerade recht – und ist bis in die Provinzen der westlichen Hemisphäre durchgesunken. Die Erfolgsgeschichte von Graffiti ist Teil der globalen Jugendkultur geworden und bis heute geblieben. Graffiti ist eine Macht.
Mit einer ungewohnten Macht, nämlich der über sich selbst, hat auch der erste Akt des Schöpfens von Graffiti zu tun: Für Graffiti geboren ist nur, wer sich selbst mit einem neuen Namen, einem Pseudonym versieht. Mit diesem Decknamen beginnt nicht mehr und nicht weniger als die Korrektur der Selbstpositionierung in der Welt. Der Name ist dabei alles, was man vorerst hat. Es lohnt sich, gut über ihn nachzudenken; den ersten Namen haben einem die Eltern verpasst. Ihn in der amtlichen Welt zu benutzen, bedeutet Teil eines (auch maßregelnden) Systems zu sein. Den zweiten Namen gibt man sich nun selbst. Damit wird man Teil der Streetart-Community mit anderen Regeln und Codes. Dieser zweite Name ist ein Heiligtum. Man bedeutet und verfügt gleichzeitig frei über ihn, übt damit Macht über sich selbst aus, kurz: stärkt sein Selbstbewusstsein. Im besten Fall verschmelzen unter dem neuen Namenslabel Subjekt und Welt im Akt der Manifestation dieses Namens mit dem Edding oder der Sprühdose an der Wand. Millionen Namen-Graffitis auf der ganzen Welt offenbaren einen Kosmos der Selbstbestimmung. Das macht denen Mut, die darunter leiden, sich in ihrer jeweiligen Lebensetappe oder Gesellschaft fremdbestimmt zu fühlen. Graffiti ist ein Ventil, ein Generator für subversive Kraftschübe.

DAIM – vier Buchstaben formieren sich

Mirko Reisser, 1971 in Lüneburg geboren, begann seine Graffiti-Karriere mit 17, nannte sich erst CAZA, dann zwei Jahre später, nach seinem Abitur, DAIM: Der Startschuss für eine der weltweit wirksamsten Graffiti-Karrieren.
Der Name DAIM ist gut gewählt. Er setzt sich aus den vier (während des Sprühens bereits erprobten) Lieblingsbuchstaben des Künstlers zusammen. Vier Buchstaben, die in Kombination, auch das war ein Auswahl-Kriterium, spannend und variabel zu arrangieren sind.
DAIM: Das D strebt seiner Form nach ins Wort hinein und schottet es gleichzeitig nach außen ab. Das A steigt rasch empor und gibt dem Namenslabel einen ersten Gipfelsturm. Das I ist von einer schlanken Wahnwitzigkeit getragen, stützungsbedürftig, zudem über den möglichen I-Punkt eine gespaltene, etwas ausspeiende Form. Und das M nimmt die Gipfelform vom A gleich doppelt wieder auf und ermöglicht einen sanften Ab- und Ausklang aus dem Wort. DAIM: Im Ganzen eine optisch harmonische und spannungsgeladene Wortformation, die ihr Energiezentrum irgendwo zwischen dem A und dem I versteckt hält.
Den Namen schenkt man sich also selbst. Für den Style allerdings muss man 1) hart arbeiten, 2) merken, was man will und 3) kann, 4) schauen was die Konkurrenz macht, um einen 5) eigenen, bitte 6) originellen Ausdruck kämpfen, 7) Einsatz bringen, 8) Nerven und vielleicht auch 9) Geld investieren.
Damit Mirko Reisser ein großes, neues DAIM-Piece sprühen kann, sind aufwendige Vorarbeiten nötig: Im Sketchbook muss die zündende Idee auftauchen, die dann in eine saubere Graphik übertragen wird, um anschließend im Rechner nachgeklickt zu werden und als Datensatz in Form einer Vektorengrafik erneut aufzuerstehen. Anhand dieser Graphik können bis ins Detail Perfektionierungen vorgenommen werden, die zur endgültigen Vorlage führen. Diese wird auf die Wand übertragen. Erst jetzt beginnt der eigentliche Sprühvorgang.
Die Bedingungen für einen solchen Arbeitsaufwand liegen auf der Hand: Neben dem technischen Know-how, dem persönlichen Style und der diesen Style erweiternden Idee, müssen die Bedingungen für eine solche Arbeit stimmen, damit sie real ausgeführt werden kann. Der Zeit- und Finanzaufwand muss über Auftraggeber, bzw. den Kunstraum gedeckt sein. Oder anders gesagt: In der Illegalität lässt sich dieser Aufwand nicht mehr umsetzen.

Entfesselte Form – gefesselter Inhalt

Der technisch brillante wie formal komplexe 3-D-Style ist das Markenzeichen von DAIM.
3-D-Style bedeutet, dass der Schriftzug ohne Outlines, stattdessen mit den Licht / Schatten-Effekten der Farben selbst gestaltet wird. Die Buchstaben erhalten dadurch etwas greifbares, etwas, dass sie aus ihrer Zweidimensionalität heraus – und hinein in unsere dreidimensional erfahrbare Welt rückt. Sie suggerieren nämlich, eine Dimension weiter zu sein, als die, der sie tatsächlich angehören, sie drängen, sie streben nach mehr, wollen Teil der dynamischen Welt sein, und wie zum Trotz führen sie uns ihr übermächtiges Können vor, indem sie sich in einem farblichen Fantasieraum verschlingen, verschachteln, umlegen, zerhackt aneinanderschmiegen, mit Pfeilsystemen (die aus dem Bild hinaus zurück in die “wirkliche” Welt weisen) verbinden, indem sie in die Tiefe des Raumes hinein- und aus ihr wieder hinausmorphen, sich zwischen zwei Fluchtpunkte spannen, indem sie zerfallen, zersprengen, zerfetzen, zersplittern, ja regelrecht zerspritzen – bedeuten diese vier Buchstaben plötzlich eine Abweichung zum normalen, mit strengen Konventionen ausgestatteten Schriftbild, welches sich ja doch eher – den Gesetzmäßigkeiten der guten Lesbarkeit folgend – auf die ruhenden Gleichförmigkeiten seiner Formen stützt.
Buchstaben sind formale Transportmittel für Text, und, so die gemeine Meinung, Text ist Transportmittel für Inhalt; erst der Inhalt von einem Text, glaubt man, ist in der Lage, Dynamik zu suggerieren. Was aber, wenn der Text, die Buchstaben selbst, diese Dynamik bereits SIND? Wenn sie ihre eigene Geschichte als ein wild sich zerstreuendes, bzw. fügendes Schlachtfeld von Signifikanten erzählen?
Das Programm von DAIM beinhaltet sowohl die Konstruktion wie auch die Dekonstruktion eines Wortes – irgendwo im Pulsschlag zwischen Einbrennen und Auslöschen taucht es aus einer synästhetischen Sphäre auf! Und offenbart: Dass es aus dem Nichts entstanden ist und dorthin auch wieder zu entschwinden droht. Wir sehen in einem DAIM-Graffiti das Standbild einer Wortformation, die im Begriff scheint, sich ständig zu verändern, sich dem Zugriff zu entziehen, die auf der Flucht ist, sich nicht greifen lassen und damit also frei, d.h. souverän bleiben will.
Diese Dynamik am Wort DAIM selbst festzumachen, versinnbildlicht einen Leitgedanken des von Derrida ausgegebenen dekonstruktivistischen Programms: Nämlich, dass die traditionell hierarchische Ordnung der beiden Bestandteile des Zeichens dekonstruktiv verkehrt werden müsse. Gemeinhin wird nämlich die ideelle Bedeutung eines Sprachzeichens, das Signifikat (= die Vorstellung, die das Zeichen transportiert) über den materiellen Träger der Bedeutung, den Signifikanten (= das Laut- oder Schriftbild) gestellt. Derrida hat hier die Notwendigkeit einer Korrektur gesehen: Eben dass die Materialität des Signifikanten zum Sinn nicht etwa nachträglich und äußerlich hinzutritt, sondern umgekehrt, dass der Sinn EFFEKT einer immer schon nachträglichen Signifikation ist; dass der Sinn also immer schon inhärent in das Textzeichen mit eingeschrieben ist. Dadurch, dass in den Graffiti-Wortformationen von DAIM die Wortzeichen aus ihrer Zeichenhaftigkeit hinausfallen, indem sie danach streben, komplexe, einmalige, agierende, morphende 3-D-Objekte zu sein, versinnbildlichen sie dieses Theorem: Das Zeichen formal bis zur Unmöglichkeit aufzuwerten – und den von diesem Zeichen transportierten Inhalt dagegen bis zur relativen Bedeutungslosigkeit abzuschwächen.
Verknüpft man mit dem Wort DAIM, das sich in meterlangen Wandgraffitis in Auferstehung und Niedergang selbst manifestiert, noch seinen Stellvertreter = Schöpfer, den es zu repräsentieren sucht, so blitzt auch er für die Länge eines filigran kredenzten Wandmomentes auf. Und die Zeit tut ihr übriges, wenn etwa die Graffiti-Pieces an den Wänden verrotten oder schlichtweg an den Wänden der Kunsttempel nach Ablauf der Präsentation weiß übermalt werden. Die Undeutbarkeit der Metapher DAIM rückt sinnlich miterfahrbar die Undeutbarkeit der empfundenen Existenz Mirko Reissers in den Focus einer allgemeinen Aufmerksamkeit.

Rückbesinnung auf die Befreiung der Worte

Philippo Thomaso Marinetti gab 1914 in seinem Text “Zang Tumb Tuuum” das Schlagwort von der “Befreiung der Worte” aus. Die erste Boygroup der Moderne, die Futuristen, wollten sich befreit sehen von der Last der Vergangenheit, der Schwerkraft, der Angst vor dem Tod, man wollte ein befreites Italien, wollte ein von Armen, Händen und Hirn befreites Schreiben, eine UNBEDINGTE Befreiung von absolut allen Traditionen, gerade vor denen der herkömmlichen Kunst, Literatur, Poesie. Mit großer Inbrunst lehnte man alles ab, was als historisch gewachsen, langsam, konservativ, rückwärtsgewandt oder schlicht unmodern galt, man wollte so intensiv wie möglich ein kraftvolles Jetztzeitgefühl erwecken! Bewundert wurde alles dynamische, egal ob es sich um lärmende Autos und Flugzeugen, die destruktiven Energien des Krieges oder einen Massenaufruhr handelte. Die Formel “Energie durch Zerstörung” galt bis auf weiteres und die Welt als größtmögliches Simultanspektakel wurde gefeiert. Die dynamischen Aspekte des Futurismus taugen bis heute zum kraftvollen Träger von Jugendkultur; Befreiung über alles! – und die Worte der Futuristen befreiten sich erstmals aus dem Gefängnis des Satzbaus, sie verzichteten auf ordnende Satzzeichen, brachten verschriftete Geräusche hervor, verzichteten auf Adjektive, Adverbien und einen Erzähler – und, hier entscheidend, waren erstmals mehr als ein bloßer Bedeutungsträger, weil sie einen piktoralen Charakter in die Texte mit einbrachten. Damit begann der Aufstand der Buchstaben!
Inzwischen, knapp 100 Jahre später, wirken die Buchstaben in den Graffitis von DAIM emanzipiert. Sie haben sich im dreidimensionalisierten Illusionsraum mit anderen Zeichen verbunden und machen mit ihnen gemeinsame Sache: Einen Kreuzzug gegen zu rasche Decodierung! Sie stehen vor allem für die Befreiung von der allzu schweren Inhaltslast, unter der sie Jahrhunderte lang zu buckeln hatten. Hier sind sie autonom. Freie, wilde, schwer fassbare und durchaus wehrhafte Gebilde; man wird sie erst in Form, Farbe und Gesamteindruck bewundern, bevor man sich an ihre Entschlüsselung macht – um festzustellen, dass sie wieder das minimale Kunstwort DAIM ergeben.
Das Wort DAIM hat keine festgelegte Bedeutung; DAIM steht für das Zeichen, dass sich als Ausdruck eines dynamischen Prozesses versteht, sich formal ständig verändert – - und sich damit den Code der Wiedererkennung = der guten Lesbarkeit verschließt – auch dies ist ein Statement: Die Welt – wie sie sich den Menschen heute in all ihren Phänomenen offenbart – ist unlesbar geworden. Wie sollte man da einen absoluten Code akzeptieren können, der eine uneingeschränkte Lesbarkeit (und damit eine Form von totalem Verstehen = einen Sinn) einfordert? Hier kommt die Kunst ins Spiel, dessen Aufgabe es ist, anarchisch-regulierend den allgemeinen Erwartungshaltungen entgegenzuwirken.

Dimensionen überwinden

Die Graffitis von Mirko Reisser verändern sich im Laufe der Jahre. Fragt man ihn, welche Richtung seine Graffitis in Zukunft einschlagen werden, so bekommt man verschiedene Antworten, die sich allesamt auf einen Nenner bringen lassen. Zum einen will er vermehrt im Kunstraum tätig werden, um ausgefallenere Projekte entwickeln und realisieren zu können. Zum anderen will er mit weniger Farbe arbeiten, um das Bewusstsein für die Form zu stärken. Dann gilt es, die technischen Möglichkeiten besser zu nutzen: Projektionen – um größer, filigraner, anders, letztlich schneller arbeiten zu können. Denn Reissers 3-D-Graffitis streben nicht nur in die nächste Dimension, sie wollen in dieser Dimension auch tatsächlich verwirklicht werden. Es gibt bereits Abgüsse von Schriftzügen, ein Schnitzing, eine Schneeskulptur – Fingerübungen für das, was noch folgen soll. Das Graffiti-Relief “Mauersprengung”, das 2006 im Rahmen des Skulpurenprojektes in der Hamburger City Nord verwirklicht wurde, geht in die Richtung: Ein freistehendes, 2,4 x 6 x 2 m großes Wandelement, das zu den Seiten und nach vorn mit zusätzlichen Wandkörpern aufgemauert wurde, bevor Reisser mit der Spraydose drüberging.
Noch mehr ist möglich. Die tatsächliche Dreidimensionalisierung der Schrift ist längst noch nicht ausgereizt. Zwischen der Zwei- und der Dreidimensionalität warten die bekannten Problematiken und locken als Herausforderung: Wie soll ein Graffiti-Schriftzug von den Seiten und von hinten aussehen? Frei nach dem Skulpturenmotto “Von allen Seiten schön” darf nicht nur eine ausgestaltete Schokoladenseite übrigbleiben. Möglicherweise lassen sich über komplexe 3-D-Datensätze irgendwann einmal komplexe 3-D-Schriftzüge aus Materialblöcken herausfräsen. Das ist die Zukunft.
Die Verlockung ist groß, denn die tatsächliche Dreidimensionalisierung der Schriftzüge würde zeigen, dass die Gegenwelt, die die Graffiti-Codes zur normalen Lesart der Schrift entworfen haben, eine tatsächliche Dimension näher an uns heranrückt – also ein noch sinnfälligerer (d.h. haptisch erfahrbarer) Teil unserer Realwelt wird, als er ohnehin schon ist.

Feuerwerk von Ambivalenzen

Mit jedem neuen DAIM-Piece nimmt Mirko Reisser die Welt ein Stück mehr in Besitz; und mit jedem neuen DAIM-Piece nimmt die Welt Mirko Reisser ein Stück mehr in Besitz. “Den Charakter der Buchstaben formen und seinen eigenen dabei entdecken” lautet sein Diktum. Der Charakter der Buchstaben bleibt dabei eine variable, abstruse, kurz: ambivalente (und damit subversive) Größe. Zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Formkomplizierung und Inhaltsvereinfachung, zwischen Hermetik und Kommunikationsangebot offenbart sich in Mirko Reissers Graffiti-Arbeiten der unfassbare Weltgraben – den zu überwinden der Betrachter zusehends mehr ins Grätschen gerät.


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